Warum jemand anderer?
Wenn Gott heilt. Und wenn nicht.
Heute ging es in der Predigt in der Kirche im Kino um eine Szene aus der Apostelgeschichte. Ein Mann sitzt vor dem Tempel und bettelt. Er ist gelähmt, kann nicht gehen. Petrus und Johannes bleiben stehen, sprechen ihn an. Plötzlich passiert etwas, womit niemand gerechnet hat: Der Mann steht auf.
Eine klassische Wundergeschichte.
Und gleichzeitig eine, die Fragen aufwirft. Denn die Realität sieht meistens anders aus. Nicht jeder Gelähmte steht auf. Nicht jede Krankheit verschwindet. Und nicht jedes Gebet endet mit einem Wunder.
Die Predigt heute hat versucht, genau diese Spannung auszuhalten: Ja, Gott kann heilen. Aber es gibt kein Versprechen, dass er es immer tut.
Ich fand das überraschend wohltuend.
Vielleicht auch, weil ich selbst wegen eines Autounfalls 2006 im Rollstuhl sitze.
Ich erinnere mich an ein paar Nächte in der Klinik vor zwanzig Jahren. Die Fragen kamen nicht sofort – erst kam das Chaos. Aber dann kamen sie. Warum hat Gott das zugelassen? Warum hat er mich nicht beschützt? Warum heilt er mich nicht?
Eines Nachts kam eine Antwort. Nicht als Stimme, nicht dramatisch. Eher als plötzlicher Gedanke, mitten im Lärm meines Kopfes. Ich hatte gefragt: Warum lässt du zu, dass mir das passiert?
Und dann war da dieser Satz: Warum jemand anderer?
Ich war verwirrt. Wie – warum jemand anderer? Was soll das bedeuten?
Unfälle, Krankheiten, Leid – sie gehören zu unserer Wirklichkeit. Mit welchem Recht erwarte ich, dass das alles an mir vorbeigeht? Solche Dinge passieren. Menschen, die ich liebe. Menschen, die ich nicht kenne. Warum sollte ich ausgenommen sein?
Das klingt hart, wenn man es so aufschreibt. Aber für mich war es das Gegenteil. Es war eine Art Befreiung. Ich hatte keine echte Antwort. Aber die Frage hatte sich verschoben – und mit ihr ein Druck, den ich gar nicht bemerkt hatte, solange ich ihn trug.
Gott war damit übrigens nicht aus dem Schneider. Aber er stand jetzt anders im Bild. Nicht als der, der mich hätte schützen müssen und es nicht getan hat. Sondern als der, der trotzdem da ist. Mitten im Leid. Der nicht wegschaut, sondern durchträgt. Und der die Kraft schenkt, den Sturm im eigenen Leben zu überstehen. Das war zumindest meine Erfahrung.
Für mich ist der Rollstuhl kein Defekt, der unbedingt repariert werden müsste. Er ist Teil meiner Wirklichkeit. Das Leben, das ich darin führe, ist ein vollständiges Leben. Nicht ein eingeschränktes Leben, das auf Heilung wartet.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – lebe ich in der Hoffnung, dass Gott eines Tages alles neu macht. Nicht weil mein jetziges Leben unvollständig wäre. Sondern weil Leid generell nicht das letzte Wort behalten soll.
Ich weiß, dass das für manche schwierig klingt. Als würde man am Ende doch behaupten: Behinderung ist ein Problem, das gelöst werden muss. Aber ich glaube, da liegt ein Denkfehler. Die Hoffnung auf einen neuen Körper bedeutet nicht, dass Behinderung ein “Defekt” ist. Dass unser Leben in irgendeiner Form “kaputt” ist. Auch Sterblichkeit ist kein Defekt – und trotzdem hofft der christliche Glaube auf Auferstehung. Die Hoffnung, dass einmal alles neu wird, entwertet nicht das jetzige Leben. Sie sagt nur: Das hier ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Wunder sind im christlichen Glauben nicht Gottes Normalprogramm. Sie sind eher seltene Momente, in denen kurz etwas aufblitzt, das eigentlich noch in der Zukunft liegt. Eine Vorschau auf eine andere Wirklichkeit.
Die christliche Geschichte erzählt nämlich nicht nur von einem Gott, der Wunder tun kann.
Sondern von einem Gott, der selbst Mensch wird – und alles teilt, was zum Leben gehört: Schmerz, Angst, Scheitern. Am Ende sogar den Tod.
Die zentrale Szene dieser Geschichte ist das Kreuz. Ein Ort, an dem Leid nicht erklärt wird und auch nicht verschwindet. Sondern erst einmal einfach da ist.
Und dann passiert noch etwas Unerwartetes: Die Geschichte endet nicht dort. Sie geht weiter. Mit einer Auferstehung.
Für Christen ist das ein erster Hinweis darauf, dass unsere Wirklichkeit nicht das letzte Kapitel ist. Dass das, was wir heute als normal erleben – Krankheit, Schmerz, auch Behinderung – nicht für immer bleiben muss.
Wenn man das so betrachtet, bekommen auch die Wunder eine andere Bedeutung. Sie sind keine Garantie für den Alltag. Sie sind kleine Einbrüche dieser zukünftigen Wirklichkeit in unsere Gegenwart.
Wir leben noch nicht in dieser neuen Welt. Wir leben mitten in einer unvollendeten Geschichte.
Die Hoffnung des christlichen Glaubens richtet sich deshalb nicht nur auf einzelne Wunder im Hier und Jetzt. Sondern auf eine Zukunft, in der einmal alles neu werden wird. Eine Welt ohne Leid, ohne Tränen, ohne Schmerz.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit Behinderung heute „repariert” werden müssen, um wertvoll zu sein. Unser Leben ist jetzt schon ein vollständig.
Aber es bedeutet, dass Leid nicht das letzte Wort behält.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage deshalb gar nicht: Ob Gott heilt.
Sondern nur: Wann.


Eine der Fragen, die am meisten schmerzt im Leben: "Warum nicht ich?". Ich habe sie gestellt und konnte sie nie wirklich beantworten. Vielleicht bin ich es einfach nur, weil ich es tragen kann.
Ich glaube daran, dass uns das Leben nicht mehr zumutet, als das, was wir auch schaffen können. Auf die W-Frage erhalten wir keine Antwort. Also bleibt nur den Weg anzuerkennen und wahrzunehmen. Also, zu lernen damit umzugehen und daran zu wachsen.