Hamlet on Wheels
Aus der Wut wird Viktor. Aus Viktor wird ein Theaterstück.
Viktor will Hamlet spielen. Nicht in einem Inklusionstheaterprojekt. Nicht als „besonderes Angebot für Menschen mit Behinderung”. Sondern einfach - Hamlet. In einem ganz normalen Theater. Mit einer ganz normalen Theatergruppe.
Der Leiter des Theatervereins sieht die Welt nicht bereit dafür.
Diese Geschichte hat einen realen Ursprung: Ich wollte bei einer Theatergruppe in Innsbruck mitmachen. Die Absage kam höflich und bedauernd. Man sei leider nicht barrierefrei - wofür man Lösungen finden hätte können. Aber der eigentliche Grund war ein anderer: Die Trainer hätten „keine Ausbildung für sowas”. Was immer „sowas” bedeutet.
Ich war mehr wütend als enttäuscht. Aus der Wut wurde Viktor. Und aus Viktor ein Theaterstück.
Hamlet on Wheels ist als vollständiges Bühnenstück konzipiert - drei Akte, fünf Figuren, ein flammender Monolog als Finale. In welcher Form und mit welchem Partner es auf die Bühne kommt, ist noch offen. Die Kurzgeschichte ist ein kleiner Ausschnitt aus dem dritten Akt und wurde im aktuellen SchreibWas Magazin veröffentlicht (LINK).
Genug der Vorrede. Vorhang auf!
Hamlet on Wheels
Die Dunkelheit hinter dem schweren Samtvorhang riecht nach Staub, altem Holz und dem kalten Schweiß von Generationen, die hier auf ihr Urteil gewartet haben. Viktor spürt, wie seine Finger zittern. Er presst sie flach auf die Greifreifen seines Rollstuhls. Die kühle Oberfläche des Metalls wirkt beruhigend.
Warum machst du das?
Er könnte jetzt einfach umkehren. Zurück in die schützende Nische des „Inklusionstheaters”, wo man ihm wohlwollend auf die Schulter klopft, weil er „trotzdem” mitmacht. Wo die Welt sicher ist, solange er die Erwartungen an seine eigene Einschränkung erfüllt.
„Viktor?”
Emmas Stimme ist nur ein Hauch. Sie legt ihm die Hand auf die Schulter. Ihr Griff ist fest, fast schmerzhaft. Er sieht zu ihr auf.
„Du spielst ihn nicht für sie”, flüstert sie. „Du bist er.”
Viktor nickt, doch seine Kehle ist wie zugeschnürt. Er denkt an die Absage. An Müllers Stimme: „Die Welt ist noch nicht bereit für Hamlet im Rollstuhl.” An Anna, die im Publikum sitzt. An all jene, denen die Türen zuschlagen, bevor sie auch nur klopfen können.
Er schiebt sich einen Zentimeter nach vorn. Ein kleiner Spalt im Vorhang gibt den Blick auf das Parkett frei.
Und dann sieht er ihn.
Dritte Reihe, Mitte. Herr Müller.
Müller sitzt dort, als wäre er der alleinige Richter über Ästhetik und Daseinsberechtigung. Sein Blick schweift gelangweilt über das Programmheft. Er erwartet ein Scheitern. Eine „Mitleidsnummer”, die er später mit einem herablassenden Seufzer abtun kann.
In diesem Moment spürt Viktor, wie die Kälte in seinen Fingern einer glühenden Entschlossenheit weicht. Das Zittern hört auf. Das Herz schlägt nicht mehr gegen seine Rippen – es schlägt im Rhythmus des Blankverses.
Die Bühnenassistentin hebt die Hand. Drei Finger. Zwei. Einer.
Das Saallicht erlischt. Die Stille wird absolut.
Zweite Hälfte. Der Monolog beginnt.
DER MONOLOG
(Viktor rollt ins Licht. Das Gummi quietscht – ein hässlicher, technischer Ton in der sakralen Stille des Theaterraumes. Er hält inne. Atmet.)
VIKTOR:
Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage:
Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern
des achtlos rohen Glücks zu dulden...
(Er lässt die Hände demonstrativ von den Greifreifen gleiten, legt sie offen auf seine Oberschenkel.)
...oder, sich wappnend gegen eine See von Schranken,
durch Widerstand sie enden?
(Pause. Er neigt den Kopf.)
Sterben – schlafen – nichts weiter!
Und zu sagen, dass ein Schlaf Die tausend Stöße endet,
die unseres Fleisches Erbteil...
(Er klopft zweimal, hart, auf seine Beine. Der Ton hallt.)
‘s ist ein Ziel, Aufs innigste zu wünschen.
Sterben – schlafen – Schlafen!
Vielleicht auch träumen! Ja, da liegt’s:
(Sein Blick fixiert Müller. Hält.)
Denn welche Träume kommen mögen,
wenn wir des Irdischen entladen,
das zwingt uns stillzustehn.
(Er greift wieder in die Greifreifen. Die Knöchel treten weiß hervor.)
Denn wer ertrüge der Gebräuche Geißel,
des Vorurteils Gewalt, der Stolzen Missachtung,
verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,
den Übermut der Ämter und die Schmach,
die Unwert dem verdienten Wert erweist...
(Er zieht sich im Sitz hoch, richtet Wirbel für Wirbel auf, bis er so gerade sitzt wie möglich.)
Wenn er sich selbst in Schweigen könnte fügen?
Wer trüge diese Last? Wer wollte schwitzen,
stöhnend unter Lebensmüh’ –
(Er wischt sich theatralisch den imaginären Schweiß von der Stirn.)
wenn nicht die Furcht vor etwas nach dem Tod,
Das unentdeckte Land, von des Bezirk
kein Wanderer wiederkehrt...
(Plötzlich, explosiv: Er stößt sich ab. Rollt einen Meter vor, direkt auf die Bühnenkante zu, auf Müller zu. Bremst scharf.)
So macht Gewissen Feiglinge aus uns allen!
Der Entschlusskraft frische Farbe
wird vom blassen Schein –
(Er spuckt das Wort fast aus:)
des MITLEIDS siech überhaucht.
Und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
verlieren so der Handlung Namen.
(Lange Stille. Er fixiert Müller, bis es körperlich unangenehm wird. Fünf Sekunden. Sieben.)
Doch still!
(Seine Stimme wird leiser, gefährlicher.)
Glaubt ihr, die Schranke sei aus Holz und Stein?
Dass meine Beine das Gefängnis sind?
(Er schlägt mit der flachen Hand auf den Spritzschutz des Rollstuhls. Hart.)
Nein. Die Mauer ist der Blick, den ihr mir schenkt.
Die Mauer ist das „Trotzdem”, das ihr klatscht.
(Ein harter Ruck am Rad. Der Rollstuhl dreht sich auf der Stelle, 180 Grad – er zeigt dem Publikum kurz den Rücken. Wartet. Dann dreht er zurück.)
Ich frage noch einmal: Sein oder Nichtsein?
(Er richtet sich weit auf. Seine Stimme wird leiser, aber schneidender:)
Ich wähle das SEIN.
Nicht als Gast an eurem Tisch.
(Pause. Er rollt einen halben Meter zurück, holt Schwung –)
Sondern als Sturm in eurem Haus.
(Seine Stimme wird zum Donnerschlag, während er nach vorn schießt:)
Die Zeit ist aus den Fugen.
Fluch der Pein, Dass ich sie einzurenken,
muss geboren sein!
(Er rast auf die Bühnenkante zu. Stoppt einen Atemzug davor. Das Gummi quietscht. Stille.)
DANACH
Schweigen.
Sein Atem stockt. Seine Hände umklammern die Greifreifen, Knöchel weiß. Das Licht brennt auf seiner Stirn. Er kann niemanden sehen hinter den Scheinwerfern, aber er spürt sie. Alle. Emma irgendwo links in der dritten Reihe. Anna rechts, weiter hinten. Und Müller. Müller sitzt in der Mitte.
Die Stille dehnt sich. Eine Sekunde. Zwei. Fünf.
Irgendwo hustet jemand.
Dann – ein Geräusch. Ein Stuhl. Knarren. Jemand steht auf.
Viktors Herz hämmert.
Herr Müller erhebt sich. Langsam. Demonstrativ. Er greift nach seinem Mantel, faltet ihn über den Arm. Dreht sich zur Seite. Geht.
Seine Schuhe klacken auf dem Holzboden. Acht Schritte bis zur Tür. Neun. Zehn.
Die Tür öffnet sich. Schließt sich.
Knallt.
Emma sitzt wie erstarrt. Annas Hände liegen reglos auf ihrem Schoß.
Niemand bewegt sich.
Dann…
Ein Klatschen. Einzeln. Hell.
Viktor blinzelt ins Licht.
Ein Mann in der vorletzten Reihe. Graue Jacke, Brille. Ein Fremder. Er klatscht. Allein. Regelmäßig. Bestimmt.
Emma fährt herum. Starrt ihn an. Der Mann klatscht weiter.
Anna schluckt. Steht auf. Ihre Hände zittern, aber sie klatscht. Laut. Klar. Emma springt auf. Klatscht. Eine Frau schließt sich an. Dann ein Paar weiter vorne. Ein junger Mann links. Noch einer.
Aber nicht alle.
Zwei Reihen bleiben sitzen. Arme verschränkt. Manche schauen weg.
Der Applaus schwillt an, bricht, ebbt ab. Unvollständig. Gespalten.
Viktor rollt zurück. Langsam. Das Licht folgt ihm, bis es erlischt.
Dunkel.
Backstage steht Emma. Wortlos. Tränen in den Augen. Anna nimmt seine Hand.
„Das Stück geht weiter”, sagt die Regieassistentin irgendwo rechts.
Viktor nickt.
Draußen, auf der Bühne, beginnt die nächste Szene.
ENDE


Lieber Roman,
was für ein brachialer, notwendiger Text. Du hast hier etwas geschafft, das im Literaturbetrieb viel zu selten passiert: Du hast das wohlfeile, herablassende Mitleid de Kulturbetriebs komplett demaskiert.
Besonders stark und bitter ist die Stelle: „Die Mauer ist der Blick, den ihr mir schenkt. Die Mauer ist das ‚Trotzdem‘, das ihr klatscht.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Dieses „Trotzdem-Klatschen“ ist oft nur die feige Maske der Ausgrenzung. Viktor fordert kein Mitleid, er fordert künstlerische Relevanz. Punkt.
Ganz stark finde ich auch das Ende. Dass Müller demonstrativ geht und der Applaus eben nicht triumphal alles wegschwemmt, sondern das Publikum gespalten zurücklässt. Das rettet das Stück vor dem klassischen Hollywood-Kitsch. Es bleibt sperrig, es bleibt ein Kampf.
Ein genialer, konsequenter Bruch mit den klassischen Sehgewohnheiten und ein verdammt starker Rhythmus im Shakespeare-Text. Aus Wut so eine Kunst zu machen – Chapeau. Das Stück muss auf die Bühne.
Beste Grüße,
Amr
Ich bin mir dir sauer, dass z.B. das Bauen einer Rampe als Vorwand genommen wird einen Menschen mit Rollstuhl im Theater auszugrenzen.
Hast du Kontakt das öffentlich zu machen? Zeit, Spiegel, usw?