Die Legende lebt 🖤💚
Ich bin gekommen wegen dem Erfolg. Aber geblieben wegen allem anderen.
Die WM läuft. Irgendwo spielen Länder gegeneinander, die ich mir auf der Landkarte suchen müsste. Hochglanz, die ganz große Bühne, perfekte Inszenierung - Fußball als globales Unterhaltungsprodukt, durchgestylt bis in den letzten Winkel, optimiert für Milliarden Zuschauer und noch mehr Milliarden Werbeeinnahmen. Ich schau auch gern, das will ich nicht leugnen. Gemeinsam mit anderen macht das sogar Spaß. Ich freue mich mit Österreich, und mit jedem Underdog, der einen Punkt holt, den ihm niemand zugetraut hat.
Aber Leidenschaft? Echte, irrationale, durch alle Tiefen mitgetragene Leidenschaft?
Fehlanzeige.
Die ist woanders. Die ist grün-schwarz. Die heißt FC Wacker Innsbruck. Zehnfacher Meister. Traditionsverein. Zweite Liga. Auf dem Weg zurück nach oben - und mit einer Geschichte, die sich kein Drehbuchautor trauen würde zu erfinden, weil niemand sie glauben würde.
Es begann, wie so vieles im Fußball beginnt: mit Erfolg.
Damals noch FC Tirol Milch Innsbruck. Dreimaliger Meister in den späten 90ern. Der Name klingt im Rückblick schauderhaft, aber als Teenager war mir das egal. Farben, Tradition, Vereinsgeschichte - das interessiert einen 16-Jährigen herzlich wenig, solange die Mannschaft liefert. Und das hat sie. National war der FC Tirol das Maß aller Dinge. Und dann kam die Champions-League-Qualifikation gegen Lokomotiv Moskau. Das Hinspiel in Moskau ging 1:3 verloren. Egal, dachten wir. Ein 2:0 am Tivoli muss einfach möglich sein. Das Rückspiel endete 1:0. Ein Tor zu wenig. Meine Schwester und ich hatten Tränen in den Augen - das einzige Mal, dass mich ein Fußballspiel (fast) zum Weinen gebracht hat.
Dann rauschte ein Gerücht durch das damals noch in den Kinderschuhen steckende Internet. Der Schiedsrichter hatte einem Lokomotiv-Spieler dreimal die Gelbe Karte gezeigt, bevor er ihn mit Gelb-Rot vom Platz stellte. Schiebung! Das Spiel wurde wiederholt. Und was war das für ein Wiederholungsspiel. Rollende Angriffe auf das Tor der Russen, endlich das 1:0. Mit dem Mut der Verzweiflung versuchte die Mannschaft, das 2:0 zu erzwingen aber Ruslan Nigmatullin, der russische Keeper, hatte den Tag seines Lebens. Dann die 93. Minute. Roli Kirchler knallt den Ball an die Querlatte. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Dann hallte der Schlusspfiff durch das Stadion.
Aus. Vorbei. Der Traum vom großen Geld in der Champions League ausgeträumt.
Und dann, als wäre das nicht genug: Konkurs. 60 Millionen Euro fehlten. Der FC Tirol war Geschichte.
Ich mache mir ehrlich Sorgen, als das passiert. Nicht um den Fußball. Um die Fans. Ob sie bleiben. Ob das, was ich für selbstverständlich gehalten hatte - Bundesliga, UEFA-Cup, Tivoli voll - einfach weg sein kann. Ob man einen Verein liebt, der nicht mehr existiert, oder ob die Liebe irgendwie überlebt, sich eine neue Form sucht.
Sie sucht. Und sie findet.
Dank einer Spielgemeinschaft mit der WSG Wattens startet ein neuer Verein in der Regionalliga - vorerst noch unter dem sperrigen Namen FC Wacker Tirol, eine Übergangslösung, die niemanden wirklich begeistert. Aber immerhin: Wir sind imme noch da. Für mich ist das eine völlig neue Welt. Ich kenne nur Bundesliga, UEFA-Cup, große Kulissen. Jetzt: kleine Plätze, überschaubare Ränge, Amateurfußball. Und die nagende Frage im Hinterkopf: Halten die Fans das durch?
Dann, 2003: die Relegation gegen SV Schwechat. Hinspiel daheim: 0:0. Alles offen, alles angespannt. Dann das Rückspiel im Rudolf-Tonn-Stadion in Schwechat. 8.500 Zuschauer. Mehrere Tausend davon aus Tirol - Menschen, die stundenlang gefahren sind, um dabei zu sein. Die Tribünen vibrieren. Die Wacker-Fans machen so viel Lärm, dass man das Gefühl hat, nicht in Schwechat zu sein, sondern daheim. Wacker gewinnt 3:2. Aufstieg.
In diesem Moment weiß ich: Die Legende lebt. Und das wird sie. Egal in welcher Liga.
Was dann folgt, ist mit das Schönste, das ich als Fan je erlebt habe.
Der Durchmarsch durch das Unterhaus. Sammy Kojoe, ein Stürmer mit dem Torriecher eines Raubtiers und der Unbekümmertheit eines Teenagers, schießt Wacker als zweimaliger Torschützenkönig fast im Alleingang nach oben. Die Fans sind überall dabei - daheim und auswärts, laut und loyal, in Zahlen und in Stimmung. Es ist kein durchgestylter und bis in die letzte Ecke vermarkteter Profifußball. Es ist rau, echt, manchmal chaotisch. Und es ist lebendig auf eine Art, die ein Hochglanz-Produkt wie die WM nie sein kann.
Und dann, 2007, der Moment, auf den alle gewartet haben: Die Umbenennung. Nicht mehr FC Wacker Tirol. Ab sofort und endlich wieder: FC Wacker Innsbruck. Das Ursprungswappen zurück. Schwarz-Grün. Die Legende war zurück. Rechtlich mag das kompliziert sein - Vereinsliebe ist nicht an eine Rechtsform gebunden. Es gibt nur einen FC Wacker Innsbruck. Das war immer so. Das wird immer so bleiben.
2010 dann das Aufstiegsfinale im Waldstadion Pasching gegen Red Bull Juniors. Kein Heimspiel, keine große Arena - ein Waldstadion, irgendwo in Oberösterreich.
Ich fahre mit Murat mit. Murat ist jung, sitzt im Elektrorollstuhl, und ist ein glühender Wacker-Fan. Er hat noch nie ein Auswärtsspiel erlebt. Er will dabei sein. Meine Schwester und ich nehmen ihn mit, packen seinen Faltrollstuhl ein, fahren los. In Pasching helfen Fans beim Aussteigen, ohne groß gefragt zu werden. Einfach so, weil man das halt macht, wenn man zusammengehört.
Das Spiel selbst ist Legende. Marcel Schreter trifft zweimal in der zweiten Hälfte. 2:0. Aufstieg. 3.000 Wacker-Fans im Waldstadion, die mitgereist sind, nicht weil sie mussten, sondern weil sie nicht anders konnten. Die Stimmung an diesem Abend ist das genaue Gegenteil von dem, was die WM verkauft. Kein Hochglanz, keine perfekte Inszenierung, keine Sponsorenbanden in alle Himmelsrichtungen. Nur Menschen, die füreinander und für denselben Verein brennen.
Und dann, um ein Uhr nachts in Innsbruck, das Leben in seiner ungeschminkten Version: niemand da, um Murat beim Aussteigen zu helfen. Meine Schwester hatte gerade einen Kaiserschnitt, kann also nicht helfen. Ich sitze selbst im Rollstuhl. Und Murat ist Murat. Da braucht es durchaus einiges an Muskelkraft, um ihn aus dem Auto zu heben. Wir stehen da, mitten in der Nacht, nach diesem großartigen Abend, und ich überlege ernsthaft, ob ich zur Feuerwehr fahre. Dann fanden wir doch noch zwei Passanten, die halfen. Eine unvergessliche Nacht, in jeder Hinsicht.
Murat ist mittlerweile gestorben. Aber dieses Erlebnis kann ihm keiner mehr nehmen. Nicht mal der Tod.
Das Wunder von Wolfsberg.
Saison 2013, ein entscheidendes Spiel gegen den WAC. Klassenerhalt oder Abstieg. Ich sitze im Gastgarten zur Eiche beim Public Viewing, 0:2-Rückstand, und denke: Es ist vorbei. Ich rolle schon in Richtung Ausgang, hatte einen wichtigen Termin. Hier schien bereits alles verloren.
Ich bleibe.
Julius Perstaller trifft dann zweimal. 2:2. Klassenerhalt geschafft!
Wer geht, verpasst manchmal das Wunder. Wer bleibt, erlebt Dinge, die man nicht kaufen kann.
Abgestiegen sind wir trotzdem. Ein paar Jahre später. Dann Wiederaufstieg 2019, ein Jahr danach wieder runter. Wacker war zur Fahrstuhlmannschaft geworden, das war nicht mehr zu leugnen. 2020 stieg ein ominöser Hamburger Kaufmann als Investor ein. Große Hoffnungen wurden geweckt. Und ebenso schnell wieder zerschlagen. Anstatt der dringend notwendigen wirtschaftlichen Konsolidierung wurden Luftschlösser gebaut. Von der Champions League wurde geträumt. Ernsthaft. Als dann 2023 der zweite Konkurs kam, war vielen Fans das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
Die Geschichte wiederholte sich. War diesmal wirklich alles aus?
Wir sind mit dieser Erfahrung nicht allein. 1860 München, die Löwen, kennen das Tal der Tränen nur zu gut: Lizenzentzug, Zwangsabstieg, Regionalliga, Neustart, wieder von vorne. Portsmouth in England stand noch 2010 im FA-Cup-Finale und landete vier Jahre später in der vierten Liga. Gerettet von den eigenen Fans, die den Verein —einfach selbst übernahmen und seine Schulden tilgten. Girondins Bordeaux, der Klub von Zidane, Deschamps, Lizarazu, gab 2024 nach 87 Jahren im Profifußball seine Lizenz auf. Und Parma? Europacupsieger in den 90ern, mit Buffon und Cannavaro und Thuram, 2015 insolvent und in der vierten Liga neu gestartet. Heute sind sie wieder zurück Serie A.
Traditionsvereine fallen tief. Aber sie stehen wieder auf. Die Frage ist nie ob - sondern wann. Und ob die Fans noch da sind, wenn es soweit ist.
Bei Wacker waren sie da.
Hunderte Fans begleiteten den FC Wacker Innsbruck durch die Tiroler Liga. Auf heimischen Dorfplätzen, in kleinen Gemeinden, weit weg vom Profifußball und seiner polierten Oberfläche. Scheißegal! Überall war Wacker ein gern gesehener Gast, die Einnahmen aus dem Catering halfen den Klubs, die halbe Saison zu finanzieren. Und die viel beschworenen “problematischen Wacker-Ultras”? Keine Ausschreitungen. Keine Gewalt. Keine Vorfälle. Nur Fans, die ihren Verein liebten und das auf ihre Art zeigten - laut, treu, ohne Wenn und Aber.
Drei Aufstiege in Folge. 2026 das Double: Tiroler Cuptitel und Meister in der Regionalliga West. Zuschauerschnitt von über 4.000 in der dritten Liga. Ausverkauftes Haus gegen Rapid im Cup. 10.000 Zuschauer beim Tiroler Cupfinale. So mancher Bundesligist in Österreich würde sich das wünschen.
Wacker ist zurück im Profifußball. Und wie.
Ich bin gekommen wegen dem Erfolg. Das war damals - Teenager, FC Tirol, Meisterschaften, Erfolg auf Erfolg, die Illusion, das gehöre einfach dazu.
Geblieben bin ich wegen dem Pfosten in der 93. Minute. Wegen den 8.500 Menschen im Rudolf-Tonn-Stadion, die ganz Tirol nach Schwechat gebracht haben. Wegen Sammy Kojoe, der uns durch Amateurstadien geschossen hat, als hätte er nie woanders gespielt. Wegen dem Abend in der Eiche, an dem ich fast gegangen wäre und dann doch blieb. Wegen Murat, dem wir eine unvergessliche Nacht geschenkt haben. Dem Jubel und der Erschöpfung danach und den zwei Passanten um ein Uhr nachts, die einfach blieben und halfen. Wegen den Fans auf den Tiroler Dorfplätzen, die nie aufgehört haben zu glauben, auch als es keinen rationalen Grund mehr dafür gab.
Das ist keine Unterhaltung. Das ist Leidenschaft. Das ist Loyalität. Das sind Werte, die man nicht bei einer WM lernt - egal wie perfekt die Inszenierung, egal wie groß die Bühne, egal wie viele Milliarden Menschen zuschauen.
Die lernt man, wenn man seinen Herzensverein durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Wenn man bleibt, obwohl man eigentlich gehen wollte. Wenn man um ein Uhr nachts in Innsbruck steht und zwei Passanten anhält, weil man mit einem Freund nach Pasching gefahren ist. Weil ein Fußballspiel wichtig war. Weil Menschen wichtig sind. Weil Wacker wichtig ist.
Schwarz-Grün. 🖤💚
Für immer.



Erster :D
Ein Fußballtext. Ohne WM‑Bezug. Mit einem Fan, der mit seinem Verein überall hingegangen ist? Count me in :)
Danke für deine Schilderungen. Ich habe so gar keine Ahnung von der Ö-Buli. Wacker ist mir ein Begriff, aber seine Vergangenheit kannte ich nicht. Sympathische Fans, wie mir scheint :)
Toller Tex! Das ist genau das, was viele anderen nicht verstehen. Das der Herzensverein wie eine zweite und manchmal auch die eigentliche Familie sein kann.
Meiner ist schwarz-gelb und spielt im Westfalenstadion. Ich bin seit sechs Jahren Vereinsmitglied. Meine Cousine hat mich mal gefragt, was das kostet und dann gesagt: "Und was ist, wenn du irgendwann mal nicht mehr Fan sein willst, weil der BVB etwas gemacht hat, was dir nicht gefällt?" Sie versteht wahrscheinlich bis heute nicht, dass das nicht passieren wird. Der Verein ist mehr als seine Führungsebene oder bei euch seine Investoren. Und ich bin mir sicher, dass der Rheinmetall-Vertrag nicht verlängert werden wird. Dafür werden wir Fans schon sorgen. Vor allem die Süd...
Es hat mich gerührt, wie du über Murat geschrieben hast und man hat in jeder Zeile deine Leidenschaft für Wacker gespürt.