Der Bademeister
Ein gellender Pfiff hallt über das Gelände des Freibades. Es hat sich wohl wieder einmal jemand nicht an die Regeln gehalten. Vielleicht waren es ein paar Kinder, die gemeinsam die lange Wasserrutsche hinuntergeschlittert sind. Oder ein übermütiger Springer, der sich vom Beckenrand aus kopfüber in die Fluten gestürzt hat. Vielleicht auch nur eine Möwe. Man weiß es nie so genau. Vielleicht ist das der Grund, warum nie jemand reagiert.
Dem Bademeister ist das egal. Seine kleinen blauen Augen blicken stets gleichmütig aus dem wettergegerbten Gesicht. Immer wieder fährt er sich mit der Hand über die grauen Bartstoppel an seinem Kinn. Seine Pfeife macht keinen Unterschied zwischen arm oder wohlhabend, Einheimischen oder Zugezogenen, groß oder klein. Dieser Mann pfeift auf alles. Für den Bademeister ist das mehr als nur ein Beruf. Es ist seine Berufung.
Die Sonnenstrahlen scheinen über den großen Sprungturm, die lange blaue Plastikröhre der Rutsche, die große Liegewiese. Der Bademeister holt tief Luft. Mit aller Kraft pustet er in die kleine silberfarbene Trillerpfeife, die an einem roten Band um seinen Hals hängt. Wobei sie tatsächlich so gut wie nie einfach nur am Band baumelt. Beinahe jede Sekunde klemmt die Pfeife zwischen seinen Lippen und tut ihre Pflicht.
Ein Blick auf die große Uhr am Sprungturm. Fünfzehn Minuten nach elf. Es ist Zeit für seine Runde. Mit der Pfeife im Mund steigt er von seinem erhöhten Bademeister-Sessel hinunter. Geht am Familienbecken vorbei – pfeift zweimal lautstark. Weiter zu den Umkleidekabinen. Es ist gerade niemand zu sehen. Trotzdem pfeift er einmal kräftig in die leeren Gänge des Kabinentrakts. Sicher ist sicher.
Als er am Pommesstand vorbeigeht, widersteht er der Versuchung, sich eine Portion Fritten zu holen. Freibadpommes sind legendär. Auch wenn sich hier niemand mehr daran erinnert. Vor der geschlossenen Klappe liegt etwas Laub, und auf der Preistafel steht: „Pommes klein: 2,80 €“.
Drei schnelle Pfiffe. Seine Art, gegen das drängende Hungergefühl zu protestieren. Aber wie so oft scheint auch sein Magen von seinen Pfiffen nicht sonderlich beeindruckt. Er antwortet mit einem deutlich hörbaren Knurren.
Glücklicherweise führt ihn seine Runde am Kassenhäuschen vorbei. Dort liegt seine Tasche mit seinem Mittagessen. Nach einer halben Stunde beendet er die Runde am Bademeister-Sessel. Nicht jedoch ohne zwei laute Pfiffe. Niemand reagiert. Aber das ist der Bademeister gewöhnt. Kopfschüttelnd setzt er sich auf seinen Sessel und holt eine Dose mit Nudelsalat aus der Tasche.
Während er isst, ist es unnatürlich still. Natürlich, immerhin ist es schwierig, kauend die Trillerpfeife zum Einsatz zu bringen. Nur ein- oder zweimal, nachdem er einen Schluck aus der Wasserflasche genommen hat, führt er die Pfeife an den Mund und bläst herzhaft hindurch.
Ein kurzer Blick auf die Uhr. Fünfzehn Minuten nach elf. Er nickt und packt die leere Dose wieder in die Tasche.
Eine magere Katze zwängt sich durch den Zaun. Der Bademeister pfeift scharf. Die Katze bleibt stehen, dreht sich um. Wenn Katzen schulterzucken könnten, dann wäre das vermutlich ihre Reaktion. Dann verschwindet sie hinter den Umkleidekabinen. Drei Sekunden später kommt sie auf der anderen Seite wieder heraus. Der Bademeister pfeift noch einmal. Sicher ist sicher.
Langsam verschwindet die Sonne hinter dem Restaurantgebäude. Der aufkommende Wind trägt den Geruch eines nahegelegenen Bauernhofes über das Gelände. Der Bademeister zieht sich um und packt seine Tasche.
Ein letzter Rundgang – alles ist wie immer. Niemand begegnet ihm auf seinem Weg nach draußen. Auch die Katze scheint wieder nach Hause gelaufen zu sein. Als er beim Kassenhäuschen die Drehtür aus Metall absperrt, blickt er noch einmal zurück. Die Uhr am Sprungturm zeigt fünfzehn Minuten nach elf. Der Bademeister pfeift zweimal laut. Niemand reagiert.
Als er beim Schild „Freibad“ vorbeikommt, bleibt er kurz stehen. Das Blau der Buchstaben ist fast ganz ausgeblichen. Wie jeden Abend murmelt er: „Bis morgen.“ Dann steckt er die Trillerpfeife in seine Hosentasche. Sicher ist sicher.



Feine Geschichte, aber: Wieso geht der Bademaister schon kurz nach 11:00?
Lieber Roman,
beim ersten Lesen schmunzelt man noch über diesen herrlich sturen Bademeister, aber dann entfaltet der Text einen grandiosen, unheimlichen Sog. Ein absolut starkes Stück „Show, don't tell“! Das versuche ich auch momenten, mit geringem Erfolg.
Wie du die Hinweise auf die Zeitschleife und die Postapokalypse einstreust, ist genial: Die Uhr, die unerbittlich auf 11:15 Uhr stehen bleibt, die verlassene Pommesbude mit dem Laub, die gänzliche Abwesenheit von Menschen. Am Ende begreift man: Der Mann pfeift nicht gegen freche Kinder an, sondern gegen die absolute, existenzielle Leere. Seine Routine ist sein einziger Schutzschild gegen den Wahnsinn. Das „Sicher ist sicher“ bekommt dadurch eine ganz düstere, tragische Note.
Ein wunderbar subtiler Mystery-Text mit einer großartigen, dichten Atmosphäre. Macht richtig Spaß zu lesen und hallt nach!
Beste Grüße,
Amr