Das hat sich gewaschen
Impro-Schreiben, oder: Wie aus Technik-Chaos eine Geschichte entstand
Zehn Minuten vor dem Start hatte ich meinen Livestream-Link erfolgreich kaputtgeschossen. Nach dem Technik-Check klickte ich auf „Stream beenden“ – und YouTube beendete die Sendung unwiderruflich.
Mein Puls schoss in die Höhe. Innerhalb weniger Minuten richtete ich einen neuen Livestream ein und teilte den Link über meinen WhatsApp-Status, auf Substack und als Kommentar unter dem bereits beendeten Video. Aber würden die Leute den Ersatzstream überhaupt finden? Oder würden Julia, meine Moderatorin, und ich bei der Premiere unseres Impro-Schreibens allein bleiben?
19.45 Uhr. Die erste Teilnehmerin meldete sich im Chat. Der neue Stream war gefunden worden. Kurz darauf kamen weitere dazu. Am Ende waren bis zu 13 Menschen beim Testlauf dabei – tatsächlich mehr, als ich erwartet hatte.
Sechs oder sieben von ihnen beteiligten sich aktiv im Chat. Julia stellte Fragen, das Publikum lieferte kreative, spannende und mitunter völlig absurde Ideen. Sie wählte einzelne Vorschläge aus und gab sie an mich weiter. Ich musste sie unmittelbar und live in die entstehende Geschichte einbauen.
Nach ungefähr einer Stunde tippte ich „The End“. Vor den Augen der Zuschauer:innen war tatsächlich eine vollständige Geschichte entstanden.
Hier könnt ihr die Geschichte erstmals vollständig lesen (Die Geschichte ist hier beinahe so zu lesen, wie sie während des Livestreams entstanden ist. Ich habe lediglich ein paar Tipp- und Flüchtigkeitsfehler korrigiert). Den Stream könnt ihr HIER nachschauen:
Das hat sich gewaschen
Es war ein ganz gewöhnlicher Waschsalon, wie ihn hauptsächlich Studenten und Singles nutzen. Um diese Uhrzeit war wenig los, es war 10.00 Uhr am Vormittag. Der Metzger öffnete die Tür. Alle Waschmaschinen waren frei. Aber der Metzger hatte gar keine Wäsche mit. Er wollte ja auch nichts waschen. Das erledigte immer seine Frau zu Hause.
Nein, er hatte einen anderen Plan. Er wollte heute seine Steuererklärung machen. Warum er das in einem Waschsalon machte? Er hatte sich im Internet erkundigt, wie er am „steuerschonendsten“ davonkommen könnte. Und da hatte die KI ihm geraten, er könne es doch mit „Geld waschen“ probieren. Das mache schließlich jeder.
Also war er nun hier. Unsicher blickte er sich um. In seinem Rucksack hatte er den gesamten Gewinn des vergangenen Jahres. Der Geruch von Waschmittel und ungewaschenen Socken lag in der Luft. Vor dem Fenster des Waschsalons ging eine Frau mit Kinderwagen vorbei. Der Blick des Metzgers fiel auf eine rote Socke. Sie lag mitten auf dem Boden. Sonderbar. Er selbst hatte solche Socken. Wie war die da hingekommen? Er ging einen Schritt auf die Socke zu. Dann noch einen. Dann entdeckte er hinter der Waschmaschine neben der Socke ein dünnes, gebundenes Büchlein. Vorsichtig blickte er sich um, bevor er das Büchlein in die Hand nahm.
DOKTORARBEIT stand darauf. Darunter, in kleineren Buchstaben: „Universität von Swakopmund“.
Doktorarbeit? Der Metzger schüttelte den Kopf, als er darin blätterte. Da war nichts von Medizin oder Krankheiten zu lesen. Der Metzger stellte den Rucksack mit dem Geld auf eine der Waschmaschinen. Die Doktorarbeit war von einem Wirtschaftsstudenten und das dritte Kapitel war dem Thema „Geldwäsche“ gewidmet. Nun wurde es dem Metzger klar. Geld waschen. Nicht Geld waschen – also nicht wörtlich. Während er das Kapitel las, griff er unbewusst nach der roten Socke. Plötzlich fiel ihm auf, dass da etwas eingestickt war. Ein Name.
Bevor er den Namen lesen konnte, öffnete sich mit einem lauten Krachen die Tür des Waschsalons. Ein kleiner Herr mit kurzen, grauen Haaren, Halbglatze und braunem Anzug betrat den Salon.
„Mein Herr, was machen Sie da?“, fragte der Mann den Metzger. Dieser wich erschrocken zurück und griff automatisch nach der Socke. Und natürlich dem Geld.
„Ich … ich weiß nicht. Also … Wäsche waschen. Hier, diese Socke. Darum bin ich hier. Warum denn auch sonst?“
„Sie kommen mir verdächtig vor. Was haben Sie denn in dem Rucksack?“, fragte der Mann weiter.
Da straffte der Metzger die Schultern und richtete sich auf.
„Das geht Sie überhaupt nichts an. Wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Adalbert Kleingeld und ich bin Steuerprüfer. Der beste der Stadt, würde ich sagen. Ich bin Ihnen von der Metzgerei bis hierher gefolgt.“
Adalbert Kleingeld. Der Metzger kannte diesen Namen. Aber woher? Irgendwo in der Vergangenheit waren sie sich schon einmal begegnet. Plötzlich erinnerte er sich:
„Adi? Adi Kleinkram? So haben wir dich genannt, erinnerst du dich? Mein Gott, Adi, du warst damals schon ein unausstehlicher Klugscheißer! Darum hast du auch Gerlinde am Ende nicht bekommen. Sie konnte dich nicht ausstehen!“
Adalbert Kleingeld wich für einen Augenblick zurück.
„Du? Ich erinnere mich an dein Gesicht … und weißt du, woran ich mich noch erinnere? DU hast Gerlinde auch nicht bekommen. Weil sie Vegetarierin war und du ja unbedingt den Betrieb deines Vaters übernehmen wolltest! Metzger. Pfui!“ Adalbert spuckte das Wort geradezu aus, als er es aussprach.
„Ach, lassen wir die alten Zeiten“, sagte der Metzger. „Was machst du heute, Adi … äh, Adalbert? Steuerprüfer? Klingt spannend … vielleicht kannst du mir helfen.“
Ein Ausdruck der Verwunderung erschien auf dem Gesicht von Adalbert. Warum so versöhnlich? Das brachte ihn vollends aus dem Konzept.
„Ich? Dir helfen? Womit denn?“
„Na, mit meiner Steuererklärung …“
„Ähm, klar. Aber vielleicht machen wir dafür einen Termin in meinem Büro. Aber mal was anderes, weißt du, was aus Gerlinde geworden ist?“
Der Metzger zögerte. Was sollte diese Frage? Adalbert würde doch wohl nach so vielen Jahren keine Gefühle mehr für seinen Jugendschwarm haben.
„Naja, also … das ist kompliziert. Weißt du, wir haben uns nach der Schulzeit wiedergetroffen. In einem Seminar für Gemüseallergiker. Sie hatte eine Allergie gegen Brokkoli entwickelt und … naja, die wurde sie nie wieder los. Irgendwann habe ich sie dann mit einem saftigen Steak verführt …“
Adalbert riss die Augen auf. „Mann, du und Gerlinde? Das ist ja ein Ding. Unglaublich. Herzlichen Glückwunsch! Und … seid ihr glücklich?“
„Naja, eigentlich schon. Aber sie hat ziemlich hohe Ansprüche … also finanzieller Natur. Deswegen arbeite ich viel in der Metzgerei … und ich habe mir gerade überlegt, wie ich möglichst … steuerschonend meine Steuererklärung machen könnte.“
Adalbert zwinkerte dem Metzger verschwörerisch zu. „Aha, darum ein Waschsalon, stimmt’s? Sag bloß, du wolltest Geld waschen, mein Freund …“
Unbewusst drückte der Metzger den Rucksack mit dem Geld an seine Brust.
„Und wenn … wenn es so wäre?“, stotterte er.
Nun war die Stimme von Adalbert nur noch ein leises Flüstern: „Dann wüsste ich, wie du das am besten machen könntest …“
Der Metzger beugte sich nach vorne. Bevor Adalbert dem Metzger antworten konnte, sah dieser wieder die rote Socke. Darauf stand der Name: „Gerlinde“. In diesem Moment wusste der Metzger: Das sah nicht nur aus wie seine Socke. Das WAR seine Socke. Seine Frau, Gerlinde, hatte sie ihm geschenkt. Mit ihrem Namen darauf. Sie meinte scherzhaft, sie würde ihn beschriften, damit niemand ihren Ehemann wegnehmen konnte.
Aber wie war diese Socke hierhergekommen? Er war noch nie zuvor in diesem Waschsalon gewesen. Oder war es ein Zeichen? Aber von wem?
Adalbert bemerkte sein Zögern und fragte: „Also, mein Lieber, brauchen Sie jetzt Hilfe bei der ‚Steuererklärung‘?“
Der Metzger hatte Adalbert komplett vergessen. Nach einem kurzen Zögern fragte er ihn: „Adi … äh, Adalbert. Du bist mir gefolgt. Von der Metzgerei aus? Warst du … vorher schon einmal hier?“
Adalbert schüttelte den Kopf. „Warum sollte ich? Ich habe eine Waschmaschine, Waschsalons sind ja nur etwas für Studenten … Aber da fällt mir ein, ich habe Gerlinde vor Kurzem gesehen. HIER, in diesem Waschsalon. Darum hat es mich auch gewundert, warum du gerade hierhergekommen bist.“
Gerlinde? Sie war hier? Im Waschsalon? Aber warum hätte sie das tun sollen? Sie hatten ja eine funktionierende Waschmaschine zu Hause. Es sei denn … der Gedanke war unvorstellbar. Aber das würde die rote Socke hier erklären.
War seine Frau … ihrer Waschmaschine fremdgegangen? MIT EINEM WASCHSALON? Der Metzger konnte es nicht fassen. Immerhin hatten Waschmaschinen auch Gefühle. Wie sollte er das jetzt ihrer Waschmaschine erklären, die ja seit Jahr und Tag brav ihre Arbeit machte?
Er drückte Adalbert den Rucksack mit dem Geld in die Hand. „Bitte. Kümmern Sie sich darum. Ich … ich muss zu unserer Waschmaschine!“
In diesem Moment kam eine junge Frau herein. Sie schob einen Kinderwagen vor sich her.
„Ähm, habt ihr meine Doktorarbeit gesehen? Ich glaube, ich habe sie hier liegen gelassen!“, fragte sie die beiden Herren.
Die blickten sich verwundert an. Wie in Zeitlupe hob der Metzger die gebundene Doktorarbeit hoch. „Diese hier?“, fragte er vorsichtig.
„Ja, danke. Ich … also, ich bin öfter hier und … oh, schöne Socken. Lustig, eine … Freundin von mir, die ich öfter beim Waschen treffe, wäscht genau solche Socken. Sie sagt, das seien die von ihrem Mann. Aber welcher Mann hat Socken mit dem Namen seiner Frau drauf? Lustig, oder?“
Der Metzger erstarrte. „Sie … Sie kennen Gerlinde?“
„Ähm … ja. Also … sicher doch. Sie ist … immer donnerstags hier, um Wäsche zu waschen. Wir … also, wir haben uns dort kennengelernt!“
Plötzlich ertönte ein schrilles Geräusch. Alle drei blickten erschrocken auf ihre Handys. Der Zivilschutzalarm wurde ausgelöst. Im selben Moment heulten die Sirenen der Stadt laut auf.
Die Spezialeinheit der Polizei stürmte den Waschsalon. Vermummte Gestalten mit Gewehren im Anschlag gingen in Stellung. Der Einsatzleiter brüllte in sein Megafon: „LANDESWEITE AKTION GEGEN GELDWÄSCHE! HÄNDE HOCH! NIEMAND RÜHRT SICH VOM FLECK!“
Der Metzger und Adalbert erstarrten. Entsetzt blickte Adalbert auf die Tasche voller Geld in seinen Händen. Der Metzger trat einen Schritt zur Seite. Da öffnete sich die Tür noch einmal und Gerlinde trat ein. Sie deutete auf ihren Mann und sagte: „Er wollte Geld waschen. Und das ist vermutlich sein Komplize!“
Langsam ging die Studentin mit dem Kinderwagen auf Gerlinde zu und küsste sie. Gerlindes Mann würde ins Gefängnis gehen. Und endlich konnten sie zu ihrer Liebe stehen. Gemeinsam gingen sie mit dem Kinderwagen nach draußen, während Adalbert und der Metzger abgeführt wurden.
THE END
Mein Fazit
Das Schreiben hat überraschend gut funktioniert. Ich kam immer wieder in einen richtigen Flow und konnte die meisten Impulse aus dem Chat gut einbauen. Eine Herausforderung war der Wunsch, die Geschichte solle plötzlich „lustig“ weitergehen. Meine Lösung mit dem Fremdgehen mit dem Waschsalon fand ich zumindest halbwegs gelungen. Wirklich heikel wurde es erst, als mir das Publikum kurz vor dem geplanten Schluss mit „Handyalarm und Zivilschutzsirenen“ dazwischengrätschte. Das sorgte noch einmal für ordentlich Chaos – und dafür, dass der Schlussteil ziemlich dicht wurde. Aber irgendwie passt das auch zu diesem Format.
Insgesamt wurde die Geschichte erstaunlich rund. Viele Fäden vom Anfang konnte ich wieder aufnehmen und zu Ende führen: die rote Socke, die Doktorarbeit, die Frau mit dem Kinderwagen. Die Geschichte wurde leicht absurd, ohne völlig abzuheben – und am Ende gab es tatsächlich ein richtiges Ende.
Auch die Zuschauer:innen fühlten sich offenbar gut unterhalten. Eine Rückmeldung lautete:
Das Tempo war angenehm und es war interessant, deinen Gedankengang beim Schreiben mitzuerleben. Besonders spannend fand ich zu sehen, wie du auch völlig absurde Kombinationen spontan eingebaut hast.
Nicht so gut funktionierte dagegen das gleichzeitige Schreiben und Sprechen. Während ich formulierte, auch noch meine Gedanken zu erklären und die Impulse aus dem Chat zu kommentieren, war deutlich schwieriger als erwartet.
Beim nächsten Mal bekommt Julia deshalb ein eigenes Mikrofon. Sie moderiert den Chat, greift Vorschläge auf und hält den Abend in Bewegung, während ich mich stärker aufs Schreiben konzentrieren kann.
Nächster Termin
Der Testlauf ist gelungen – und deshalb geht das Impro-Schreiben weiter.
Am Dienstag, 29. September, findet die nächste Ausgabe statt. Diesmal nicht mehr als stiller Testlauf, sondern als öffentliches Online-Event: Julia moderiert Publikum und Chat, ich schreibe live die Geschichte, die aus euren Ideen entsteht.
Was ihr bis dahin tun könnt:
📅 Dienstag, 29. September, 19.45 Uhr, im Kalender eintragen
▶️ Den nächsten Livestream öffnen und die Erinnerung aktivieren:
https://youtube.com/live/m7LoNly0MF4?feature=share
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😂😂😂 Tolle Idee, Roman!!
Sehr lustige, kreative Geschichte. Unglaublich, dass du das so spontan geschrieben hast.