10.01 Uhr
Ich bin tot. Genauer gesagt, morgen um 10.01 Uhr werde ich gestorben gewesen sein. Sagt man das so? Die deutsche Sprache ist für die Unausweichlichkeit des Endes erstaunlich schlecht gerüstet. Unabhängig von der korrekten Grammatik wird dieses Ereignis so stattfinden, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen könnte.
Nein, ich glaube nicht an Schicksal oder Vorherbestimmung. Das Wissen beruht nicht auf dubiosen metaphysischen Annahmen, sondern auf meinem Vertrauen in die exzellenten Fähigkeiten eines gewissen Mister Marek. Ein wahrer Virtuose seines Faches, so wurde mir glaubhaft versichert.
Woher ich das weiß? Vor exakt zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten fand ich eine Notiz auf meinem Schreibtisch. Ich erkannte das Papier sofort – schon seit zwanzig Jahren kaufte ich ausschließlich Briefpapier im altehrwürdigen Papierhaus Katzer. Seit 1837 steht das Geschäft für einwandfreie Qualität. Der Text war offenbar mit einem klassischen Füllhalter geschrieben. Mit meinem eigenen, um genau zu sein. Das Schriftbild meines Pelikan 100N erkenne ich zu jeder Zeit. Doch es war nicht meine Handschrift. Nicht exakt, zumindest. Die durchaus elegant geschwungenen Buchstaben standen jedoch in eklatantem Gegensatz zur überaus unfreundlichen Nachricht selbst.
Jemand gedachte, mich aus dem Leben zu befördern. Simpel. Schnörkellos. Beinahe poetisch. Morgen früh sollte ein gewisser Mister Marek dieses Vorhaben in die Tat umsetzen. Er sei, so hieß es, absolut qualifiziert für diesen Auftrag. Ein Teil von mir war ob dieser Zusicherung beruhigt. Ich hasse es, mit Amateuren zu arbeiten. Allerdings hat mich seit dem Lesen dieser Zeilen eine gewisse wachsende Unruhe erfasst.
„Er schläft nicht. Sitzt seit Stunden am Schreibtisch. Ich habe ihn beobachtet. Was macht er da?”
„Irrelevant.”
„Ist es das? Wirklich? Mir kommt es nicht irrelevant vor. Mir kommt es vor, als würde er warten. Ich… mag das nicht. Als würde er genau wissen, was passiert.”
„Er weiß es.”
„Ja, aber dann… sollte er Angst haben. Panik. Irgendetwas tun. Fliehen, telefonieren, schreien. Irgendetwas. Nicht einfach nur sitzen.”
„Was er tut, ändert nichts.”
„Unsinn. Das ändert alles. Also für Sie vielleicht nicht. Für mich schon.”
„Es ist, wie es ist.”
„Die Notiz war vielleicht ein Fehler. Ich… habe mir das anders vorgestellt.”
„Die Notiz war notwendig.”
„Aber warum ausgerechnet mit seinem – ich meine, das war doch unnötig provokant. Das hätte man anders lösen können.”
„Sie wollten, dass er es weiß. Das war Ihre Entscheidung.”
„Ich wollte, dass er versteht. Das ist etwas anderes. Ich wollte, dass er begreift, warum. Nicht einfach so. Nicht ohne Grund. Aber jetzt… er sitzt einfach nur da. Er versteht gar nichts!”
„Der Grund interessiert mich nicht.”
„Nein. Natürlich nicht.”
„Es ist alles arrangiert.”
„Können wir es verschieben? Vielleicht?”
„Nein.”
„Ich frage nur, weil – es gibt Dinge, die ich ihm noch sagen wollte. Dinge, die er wissen sollte. Nicht wegen mir. Seinetwegen. Ich habe das Gefühl, dass das richtig wäre. Er hätte es verdient.”
„Nein.”
„10.01 Uhr”, sagte Mister Marek. „Wie besprochen.”
Die Pendel der alten Pendeluhr hätten schon längst wieder aufgezogen werden müssen. Ob sich das jetzt noch lohnt? Vielleicht kann die Polizei dadurch den Zeitpunkt meines Todes besser bestimmen. Ach. Unsinn. Der steht mit tiefblauer Tinte festgeschrieben auf dem Papier. Immerhin erspart sich der Gerichtsmediziner so die Feststellung des Todeszeitpunktes. Das finde ich gut. Ich mag es nicht, anderen Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Andererseits macht sich eine gewisse Person erhebliche Mühe, mir ihrerseits Unannehmlichkeiten in Form meines eigenen Ablebens zu bereiten. Warum sollte sie sonst diesen Mister Marek damit beauftragen, mich aus dem Leben zu befördern? Was mich an dieser unerfreulichen Geschichte allerdings wirklich stört, ist die Tatsache, dass offenbar jemand in meinem Arbeitszimmer war. In meinem Schreibtisch herumgestöbert und meinen Füllhalter verwendet hat. Das Hausmädchen hat natürlich einen Schlüssel zu diesem Zimmer. Doch warum sollte sie mir so eine Nachricht schreiben? Das erscheint mir höchst unwahrscheinlich.
Zudem fällt mir selbst bei intensivem Nachdenken kein Grund ein, weshalb mein Hausmädchen meinen Tod wollen würde. Oder warum überhaupt irgendjemand daran Interesse haben sollte. Die Frage nach dem Warum erscheint mir an dieser Stelle zwar grundsätzlich notwendig, jedoch wenig ergiebig.
Als ich eben die Nachricht nochmal las, entdeckte ich einen kleinen Tintenfleck auf dem ansonsten makellosen Papier. Ist das vielleicht eine Spur, die mich auf die Fährte des anonymen Gastes bringen kann? So sehr ich den Fleck auch studiere und analysiere, finde ich trotzdem keinerlei Hinweise auf den Urheber. Das alles erscheint mir zu perfekt geplant, zu akribisch durchgeführt, um hier an einen Zufall zu glauben. Jemand kennt meine Gewohnheiten sehr genau. Meine Arbeitszeiten, meinen Schreibtisch, meinen Füllhalter. Mein…
„Er hat den Tintenfleck gefunden. Das ist nicht gut.”
„Ich weiß.”
„Er starrt ihn an. Mit einer Lupe. Er sucht nach einem Fehler im System. Er versucht, Sie zu finden, Marek. Oder mich.”
„Er wird niemanden finden.”
„Woher wollen Sie das so sicher wissen? Er ist nicht dumm. Er ist… er denkt anders als andere Menschen. Er sieht Dinge, die andere übersehen. Das war immer so. Ich… hasse ihn dafür. Er wird so lange suchen, bis…
„Bis er was?”
„Bis er die einzig logische Schlussfolgerung zieht. Und dann…”
„Dann lassen Sie ihn.”
„Was?”
„Dann lassen Sie ihn diese Schlussfolgerung ziehen. Es ändert nichts.”
„Er ist so ruhig. Diese Ruhe ist unerträglich. Er wirkt nicht wie ein Opfer. Er wirkt wie ein Rechnungsprüfer, der eine Bilanz abschließt.”
„Abschließen ist das richtige Wort. Endgültig.”
„Er hat früher immer Tee gekocht, wenn er nicht weiterkam. Lapsang Souchong. Immer derselbe. Er sagte, der Rauchgeschmack hilft ihm, klar zu denken. Tee.”
„Und?”
„Er kocht keinen Tee.”
„Irrelevant.”
„Glauben Sie, er hat es verdient? Nach allem, was ich Ihnen erzählt habe?”
„10.01 Uhr”, sagte Mister Marek. „Das ist die einzige Zahl, die für mich von Bedeutung ist.”
Acht Uhr fünfundzwanzig behauptet meine alte Pendeluhr. Morgens oder abends? Interessante Frage. Die Uhr steht schon seit langem still. Würde das also einen Unterschied machen? Auch ohne die exakte Uhrzeit zu kennen, vergeht diese Nacht unbarmherzig, Stunde für Stunde. Ob ich mir wohl noch einen Tee zubereiten sollte? Andererseits ist ein Kännchen Lapsang Souchong zu dieser vorgerückten Stunde selten eine gute Idee. Ich könnte mir den Magen verderben.
Zurück zur Frage nach meinen Gewohnheiten. Wer kennt mein Leben beinahe ebenso gut wie ich – oder sogar noch besser? Und warum will dieser Jemand eben dieses in wenigen Stunden beenden?
Ich mag gar nicht daran denken, welche innere Not ich bei diesem Individuum ausgelöst haben muss, um dieses zu so einer Handlung zu bewegen. Es ist eine durchaus kostspielige Lösung für ein Problem, das sich vermutlich auch anders hätte lösen lassen. Wenn ich jetzt so daran denke, fällt mir eine beinahe vergessene Begebenheit aus längst vergangenen Zeiten ein. Meine geliebte Ehefrau… nein, sie wäre natürlich niemals zu so einer Tat fähig. Zumal sie vor fünf Jahren und drei Monaten aus dem Leben geschieden ist. Nach ihrem Tod ging das Leben weiter. Ich war allein. Und doch nicht allein. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt es mir ein. Es gab einen Streit. Überaus heftig. Aber mit wem? So sehr ich mich bemühe, finde ich kein Gesicht dazu. Er warf mir vor, meine Frau im Stich gelassen zu haben. Er behauptete…
Der Tintenfleck. Ich habe ihn schon einmal gesehen. Nicht auf diesem Papier. Woanders. Oder bilde ich mir das ein? Die Dichtung des Pelikan müsste längst ausgetauscht werden. Das passiert bei diesen alten Schreibgeräten manchmal.
„Es ist gleich zehn. Jetzt ist es dann so weit. Wir müssen los!”
„Ich weiß.”
„Er sitzt immer noch am Schreibtisch. Etwas müde. Natürlich, er hätte auch schlafen gehen sollen. Warum ist er sitzen geblieben? Die Notiz liegt ordentlich vor ihm. Parallel zur Tischkante.”
„Natürlich.”
„Er macht das immer so. Alles ordentlich. Alles an seinem Platz. Die Arbeit, die Routine, der Füllhalter. Immer.”
„Und?”
„Auch damals. Als der Arzt anrief, wegen seiner Frau. Es gab eine Bilanz, die fertig werden musste. Er konnte nicht einfach gehen. Der Arzt hatte ja schon öfter gesagt, es sei kritisch. Schon oft. Aber dieses Mal…”
„Sie haben mir das schon hundertmal erzählt.”
„Damals ist etwas in mir zerbrochen. Für immer. Aber… ich verzeihe ihm. Wenn alles erledigt ist. Wenn alles wieder richtig ist. Macht das Sinn für Sie, Mr. Marek?”
„9.58 Uhr.”
„Ich weiß. Es ist Zeit. Oder?”
„Sind Sie bereit?”
„Ich war nie bereit. Das ist das Problem.”
„Das”, sagte Mister Marek, „ist nicht mein Problem.”
Es ist 10.00 Uhr. Woher ich das weiß? Nicht von der Pendeluhr natürlich. In ihrer Welt ist es immer noch acht Uhr fünfundzwanzig. Ich weiß es einfach. Schritte. Ich höre Schritte vor der Tür meines Arbeitszimmers. Oder bilde ich mir das nur ein? Sie kommen näher. Dann verstummen sie. Vermutlich steht mein angekündigter Gast vor der Tür. Ob ich ihn hereinbitten soll? Das wäre doch ein Mindestmaß an Höflichkeit, oder nicht? Würde Mister Marek ohne solch eine Geste im Hausgang warten und am Ende unverrichteter Dinge wieder abziehen? Wohl kaum.
Vielleicht sollte ich ihn auf die Uhrzeit meiner Pendeluhr verweisen und insistieren, dass er zu früh hier wäre. Es wäre ein geradezu lächerlicher Versuch, mein eigenes Leben zu retten.
Die Schritte. Sie kommen wieder näher. Als wäre die Person, die sie verursacht, längst schon in diesem Raum. Sonderbar. Ich habe die Tür gar nicht gehört. Wie ist Mr. Marek wohl hereingekommen? Irrelevant. Er ist ein Profi seines Faches. Natürlich.
Die Luft. Ich atme ein. Ich atme aus. Es ist alles wie immer und trotzdem scheint sich etwas verändert zu haben. Ist das so, wenn man stirbt? Ich habe gelesen, dass in diesem Moment das eigene Leben an einem vorbeizieht. Darauf könnte ich getrost verzichten, also wenn das eine Option ist.
Mister Marek ist hier. Aber er ist nicht allein gekommen. Der Auftraggeber begleitet ihn. Mein Gesicht. Es spiegelt sich im matten Glas der Pendeluhr. Ich bin müde. Es ist 10.01 Uhr.
Ich bin tot.


Ja, schön geschrieben. Spannend gebaut. und schön aufgelöst (wenn ich's richtig verstanden hab.)
Prima konstruiert und interessant zu lernen, wie Unausweichlichkeit (your word, not mine) einfach so behauptet werden kann und wir alle glauben's. Das klau ich mir 😉